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Bruder

von
Koautor:  YoungMasterWei

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Langya

“Sizhui? Bist du liebeskrank? Trinkst du heimlich Emperor’s Smile?”, neckte Wei Wuxian seinen Schüler lautstark, als er die Tür zum geschäftigen Studierzimmer aufriss, und genoss es, wie sein Ziehsohn schlagartig die Farbe einer gekochten Garnele annahm.

“N-nein! Verehrter Senior Wei, bitte verzeiht diesem unnützen Schüler, dass der Abschlussbericht immer noch nicht fertig ist.”

Hastig sortierte Lan Sizhui die Blätter neu, die er bei Wei Wuxians effektvollem Eintritt durcheinandergewirbelt hatte. Bei seinem Studium zum Gruppenführer machte er gute Fortschritte, weshalb er seit neuestem für die Zusammenfassung der Erkundungsberichte der jüngeren Kultivierer verantwortlich war. Von der Neugier gepackt, spähte Wei Wuxian über die zahlreichen Zettel. Mit so vielen Berichten hätte er gar nicht gerechnet.

“Was hält dich denn so lange auf?”

“Vielleicht bin ich nur übermäßig nervös, aber irgendetwas stimmt nicht”, erklärte sein Schüler, dankbar für den Themenwechsel. “Bei Guangling wurde ein Massengrab geschändet.”

Wei Wuxian zog eine Augenbraue hoch, forderte Sizhui stumm auf fortzufahren. Dieser reichte ihm eines der Blätter und erklärte: “Es gibt dort nichts zu plündern. Keiner der Toten hat Angehörige, nicht einmal ein anständiges Grab. Es ist ein Friedhof für Heimatlose, Ausgestoßene und Verbrecher. Einzig Kultivatoren, wenn sie entsprechend entlohnt werden, betreten gelegentlich den Friedhof, um die negative Energie ein Stück weit zu neutralisieren. Sonst wäre es nur eine Frage der Zeit, bis sie Zombies, Monster oder Yao hervorbringt. Aber seit der Plünderung ist die gesamte dunkle Energie wie weggefegt. Es heißt, das Qi sei dort im Moment so rein wie bei unseren Gräbern.”

“Oho!” Wei Wuxians zweite Augenbraue wanderte ebenfalls in die Höhe. Er stützte sich auf seinen rechten Ellbogen, machte es sich bequem. Das hier könnte eine längere Unterhaltung werden.

“Dann das hier.” Sizhui reichte ihm zwei weitere Blätter. Während Wei Wuxian sie überflog, hörte er mit einem Ohr den Ausführungen seines Schülers zu.

“In den Wäldern um Lanling wurden seltsame Tierkadaver gefunden.”

“Inwiefern seltsam?”

“Vögel, Nagetiere, zwei Marderhunde und ein Reh. Ein ziemlich junges sogar, und gesund. Die Todesursache aller Tiere ist unklar. Das Reh hatte eine Bisswunde am Hals, aber nicht lebensbedrohlich. Das kommt in der Natur bei Revierkämpfen oder Fressfeinden öfter vor. Darüber hinaus gibt es keinerlei Anzeichen, woran die Tiere gestorben sein könnten. Aber sie alle wirkten … ausgezehrt. Vertrocknet. Und auch sie strahlten keinerlei negative Energie aus.”

“Interessant!” Wei Wuxians Feuer war entfacht. “Körper, die eines unnatürlichen Todes gestorben sind, strahlen normalerweise besonders viel negative Energie ab, da die Todesumstände mit viel Leid, oft auch Rachegelüsten verbunden sind. Tiere sind da nicht anders als Menschen. Du vermutest also, das hängt mit dem Friedhof zusammen?”

Sizhui nickte fest.

“Ein Friedhof, auf dem es nichts zu plündern gibt, gesunde Tiere, die ohne ersichtliche Verletzung sterben. Und alle strahlen Yang aus. Das kann kein Zufall sein. Also habe ich nachgeforscht. Aber es gibt keinerlei Berichte, dass in den letzten Wochen oder Monaten Kultivatoren diese Gegenden bereist und das Tierreich geläutert hätten.”

“Kultivatoren könnten das negative Qi reinigen”, stimmte Wei Wuxian seinem Schüler zu. “Aber wozu sollte sich irgendjemand mit Kleintieren aufhalten? Und von einem weiteren Heiland wie unserem Lan Zhan hätten wir gehört.” 

Sizhui nickte. “Solange diese Tiere keine Bedrohung für Menschen darstellen, wird niemand nach einem Kultivator schicken. Es ist erstaunlich, dass sie den einfachen Menschen überhaupt aufgefallen sind.”

“Wer hat sie denn entdeckt?”

“Dorfbewohner, die in der Nähe der verendeten Tiere leben. Jingyi hat auf einer Patrouille mit einem Mann gesprochen, dessen Sohn die toten Vögel eingesammelt hatte. Der Junge hatte die Tiere wohl als Spieltrophäe mit nach Hause gebracht, aber dem Vater war der unerklärliche Tod unheimlich. Sie haben die Tiere dann auf den Misthaufen geworfen, wo Jingyi sie inspizieren konnte und die fehlende negative Energie festgestellt hat.”

“Einen Kultivator können wir also wahrscheinlich ausschließen. Hast du noch andere Vermutungen?”, nahm Wei Wuxian den vorherigen Faden der Unterhaltung wieder auf. Sizhui zögerte.

“Vielleicht …”

“Hm?”

“Vielleicht gab es aber doch einen Kultivator, der sich um die Tiere gekümmert hat”, setzte Sizhui schließlich zögerlich fort. “Aber das Massengrab …” Er schüttelte den Kopf. “Es ergibt keinen Sinn. Warum sollte ein Kultivator einen Friedhof für Verbrecher aufgraben, bevor er den dortig angestauten Groll neutralisiert?”

Wieder blickte Sizhui auf seine Unterlagen, biss sich in angestrengtem Nachdenken auf die Unterlippe.

“Wenn ich es gewesen wäre, hätte ich euch mitgenommen!”, scherzte Wei Wuxian.

“Ich weiß”, antwortete Sizhui unverändert ernst. “Der Kultivator - wahrscheinlich war es ein Kultivator - ist auch längst tot.”

Er überreichte Wei Wuxian ein weiteres Dokument.

“Nahe Shangqiu wurde ein menschlicher Leichnam gefunden. Gleiche Umstände wie die Tiere in der Ostregion. Zum Zeitpunkt der Entdeckung war der Körper bereits bis zur Unkenntlichkeit verrottet, die Kleidung war kaum noch zu erkennen. Aber an den Rändern der Ärmel waren Ansätze eines Wolkenmusters zu erkennen und der Gürtel hatte eine dunkle Farbe, möglicherweise violett. Es könnte sich um einen Kultivator der Moling Su-Sekte gehandelt haben.”

“Habt ihr schon dort nachgefragt?”, hakte Wei Wuxian nach.

“Vorgestern, ja. Offenbar wird tatsächlich ein Clanmitglied vermisst. Und sie haben uns beschuldigt, dafür verantwortlich zu sein.”

Ein frustriertes Seufzen folgte, das in einen gequälten Ausdruck überging.

“Verehrter Senior Wei, ich fürchte, ich habe ein Hornissennest aufgestochen.”

Doch Wei Wuxian machte eine abtuende Handbewegung.

“Gegen Leute, die nur Streit suchen, keine Gerechtigkeit, ist kein Kraut gewachsen. Irgendeinen Anlass finden die immer. Diskussionen bringen dich hier nicht weiter, also konzentriere dich einfach auf das, was du tun kannst. Wenn es dir gelingt, diesen Fall aufzuklären, verlieren sie ohnehin ihre Angriffsgrundlage.”

Sizhui nickte, die Funken seines Eifers erneut geschürt.

“Also diese Person ist ebenfalls gestorben, ebenfalls ohne einen Rest von Groll, und der Reaktion der Moling Su-Sekte nach muss es sich um einen ihrer Kultivatoren gehandelt haben”, fasste er noch einmal zusammen. “Ein Problem ist, dass alle bisher gefundenen Kadaver bereits so gealtert waren, dass sich nicht konstruieren lässt, in welcher Reihenfolge sie gestorben sind, welche Route dieses Unheil eingeschlagen hat. Ich kann nur das ungefähre Gebiet eingrenzen, und das erstreckt sich von Moling über Shangqui bis nach Langya.”

“Was habt ihr denn in Langya gefunden?”

Langya lag unmittelbar vor Langling - direkt vor Jin Lings Haustür. Sein Neffe hatte es unter den claninternen Machtkämpfen und Jin Guangyaos Skandalen schwer genug. Wei Wuxian wollte ungern eine weitere Sorge in Jin Lings Umgebung wissen.

“Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, ob Langya mit diesen Vorfällen zusammenhängt”, begann Sizhui. “Über einen Kadaver ohne negative Energie wurde dort noch nicht berichtet. Aber ein riesenhaftes Wildschwein hat wohl den örtlichen Friedhof zerstört und auch in der Stadt gewütet. Die Residenz der Kaufmannsgilde wurde zerstört, und ein Freudenhaus.”

“Geiz, unglückliche Frauen und niederträchtige Freier”, griff Wei Wuxian Sizhuis Gedankengang auf, woraufhin dieser nickte. “Orte mit starker Negativität.”

“Gab es Opfer?”, hakte Wei Wuxian nach.

“Über zwanzig. Fünf Wachposten, die die Gilde gesichert hatten, acht Händler sowie neun Frauen und Männer des Freudenhauses. Dann traf wohl Verstärkung vom Langling Jin-Clan ein, aber das Wildschwein hat sie ebenfalls verletzt und konnte fliehen. Später sind die beiden Kultivatoren ihren Verletzungen erlegen.”

Die Aufzählung wischte den Schalk aus Wei Wuxians Gesicht. “Das ist ein beträchtlicher Schaden.”

Seine Gedanken waren bei Jin Ling, seinem Neffen, und den zahlreichen Gefahren, in denen er jedes Mal nur um Haaresbreite mit dem Leben davongekommen war. Im Kampf gegen die göttliche Statue auf dem Berg Dafan. Im Säbelgrab des Nie-Clans. In der Geisterstadt Yi. Im Guanyin-Tempel. Jin Ling hatte einen äußerst ungesunden Drang, sich beweisen zu müssen, und überschätzte sich dabei regelmäßig. Jetzt, wo das Amt des Clanführers auf seinen Schultern lastete und die Schmach seines Vorgängers und Onkels Jin Guangyao zu einem vernichtenden Schwund an Mitgliedern geführt hatte, konnte diese Angewohnheit nur schlimmer geworden sein. Und Hilfe? Selbst wenn Jin Ling nicht zu hochmütig wäre, sie zu erbitten, würde niemand diesem Clan, der zum Gespött der gesamten Kultivatorenwelt geworden war, zu Hilfe eilen.

“Du hast recht, dass die Hinweise zu dünn sind, um sie zweifelsfrei mit dem fehlenden negativen Qi in Zusammenhang zu bringen. Aber ich würde mir dieses Wildschwein trotzdem gern ansehen.”

Wei Wuxian erhob sich und mit dieser fließenden Bewegung kehrte auch das übermütige Grinsen in sein Gesicht zurück. “Lust, einen Freund zu besuchen?”

Sizhui erwiderte den Blick mit einem aufrichtigen Lächeln. “Er wird nicht begeistert sein.”

“Hält dich das davon ab?”

Sizhui gluckste. “Nein. Ich gebe Jingyi Bescheid. Aber Onkel Ning lassen wir diesmal lieber zu Hause. Ich möchte ihn ungern in der Nähe wissen, falls sich dort doch das Groll fressende Monster herumtreibt.”



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  _Scatach_
2023-01-25T15:37:51+00:00 25.01.2023 16:37
Ah, ich hab einfach so einen Narren an Lan Shizui gefressen, dass muss ich ja ehrlich zugeben ^^ Ich liebe es einfach, wie man sofort merkt, dass er der Ziehsohn von Lang Wangji sein MUSS xD Auch wenn es natürlich nur seine 'Adoptiveltern' sind, ich finde, er hat sowohl von Lan Wangji als auch von Wei Wuxian einige Charakterzüge übernommen. Die von Letzerem merkt man so ein bisschen am Anfang des Kapitels finde ich, als er so peinlich berührt ist. Hat mich sehr zum Schmunzeln gebracht ^^

Das mit dem geschändeten Massengrab und die unerklärlichen Tode der Tiere und des Kultivators (Im ersten Moment musste ich auch tatsächlich irgendwie an Vampire denken :D ) find ich sehr spannend, bin schon neugierig, ob das vielleicht noch irgendwie eine größere Rolle spielen wird. Vielleicht ein Problem, das die beiden Brüder zusammen lösen müssen? ;) Oder sie zumindest wieder zueinander bringt? Immerhin ist ja Jin Ling betroffen und auch wenn sonst niemand aus der Kultivatorenwelt diesem in Ungnade gefallenen Clan helfen würde, Jiang Cheng und Wei Wuxian würden beide ihrem Neffen immer zur Hilfe eilen. Es scheint ja auch wirklich ein ziemliches Problem zu geben, das man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Und Wei Wuxian macht sich ja auch direkt auf den Weg ;)

Auf jeden Fall nimmt Lan Shizui seine Aufgaben durchaus sehr ernst, was natürlich sehr charaktertreu ist. Generell stellst du die Protagonisten sehr gut da, finde ich, bisher wirkt nichts irgendwie OOC.
Ich mag auch einfach dieses Gespräch zwischen den beiden, man kann sich richtig vorstellen, wie die beiden da sitzen und über ein Thema diskutieren, das Lan Shizui wirklich sehr beschäftigt. Ich finde es auch toll, wie Wei Wuxian hier nur so als 'unterstützender' Gesprächspartner agiert. Er gibt Shizui immer den Raum, seine eigenen Gedanken zu äußern, neue Ideen und Vermutungen zu sammeln. Ein toller Ansatz, der mir als Lehrerin natürlich irgendwie auffallen muss und ich hab auch so eine Ahnung, woher das bei dir kommt xD

"Ich möchte ihn ungern in der Nähe wissen, falls sich dort doch das Groll fressende Monster herumtreibt" - ich musste so lachen bei diesem letzten Satz xD Love it!! <3

Hilf mir aber nochmal kurz auf die Sprünge, denn ich weiß nicht, ob ich vielleicht was verpasst oder falsch verstanden habe...Moling Su Clan...war das der, der von diesem 'abtrünnigen' Lan Mitglied gegründet wurde, oder ist das eine Neuerschaffung von dir für diese Geschichte?

War auf jeden Fall wieder ein sehr schönes Kapitel und ich freu mich schon sehr darauf, wie es weitergehen wird ;)
Ganz liebe Grüße,
Scatach


Antwort von:  Lady_Ocean
27.01.2023 14:28
Auch hier vielen lieben Dank für deinen Kommentar! :D

Das mit den Vampiren ist ein interessanter Gedanke! :D Ja, hier werden jetzt erst mal nur ein paar vage Informations-Bruchstücke in den Raum geworfen. Mit denen kann man noch nicht viel anfangen. Aber wenn sie zum Grübeln anregen, hab ich mein Ziel erreicht! :)
Zu deinen Theorien mit den zwei Brüdern sag ich aber est mal noch nichts. Das kommt ja bald. ^^

Ich freue mich auch riesig, dass ich die Charas für dich überzeugend dargestellt habe. Ich habe den Roman geschätzte 2 1/2 mal gelesen und den Donghua auch zweimal geschaut. Ich denke, da ist im Laufe der Zeit 'ne ganze Menge hängen geblieben. Bei Jiang Cheng fiel mir das besonders auf. Beim zweiten Lesen des Romans hatte ich von Anfang an einen ziemlich anderen Blick auf ihn.

Und zu deiner Frage mit dem Loing-Su-Clan: Genau, das ist der, der von diesem abtrünnigen Mitglied, Su She, gegründet wurde! Su She zieht sich (was ich auch erst beim zweiten Lesen mitbekommen habe) eigentlich auch durch die ganze Geschichte: Er ist der Einfaltspinsel, der im Kampf gegen das Waterborne Abbyss sein Schwert in den See schickt und es nicht zurück bekommt, weil seine Kultivierung längst nicht so stark ist wie die von Lan Wangji (und dann musste er von Wei Wuxian gerettet werden, welcher dann selbst im Wasser gelandet ist). Und er war später am Carp Tower auch in eine Auseinandersetzung mit Jin Zixun (dem eingebildeten, gewalttätigen Cousin von Zixuan) verwickelt. Also Jin Zixun war einfach in ihn reingelaufen und hat ihn gedisst und Jin Guangyao hat ihn verteidigt. Er ist so ein richtiger No-Face-Charakter, ein totaler nichtskönnender Mitläufer, den man sofort wieder vergessen hat, sobald seine Szene vorbei ist. Aber gerade WEIL er so ist, passt es so krass gut, dass er am Ende der Handlanger von Jin Guangyao war, der im Schatten die Drecksarbeit für ihn erledigt hat. Das fand ich storytechnisch ganz große Klasse. :D
Antwort von:  Lady_Ocean
28.01.2023 08:28
Ah, zu deinem Lehrer-Gedanken wollte ich doch noch was sagen! *haha* Da hast du voll ins Schwarze getroffen. Ich denke auch, da spielt meine eigene Berufsbiografie und meine persönliche Schwerpunktsetzung ganz stark mit rein. Als Wei Wuxian mit den Jungspunden in dieser Geisterstadt war und sie dazu gebracht hat, ihre Angst zu überwinden und den Geist da draußen zu beobachten und zu beschreiben, war ich sehr beeindruckt von senem Lehrstil. Er ist wirklich ein geborener Lehrer. Dementsprechend hatte ich an dieser Szene wirklich meinen Spaß. Hier konnte ich diese Ideale vom Critical Thinking und Lernendenzentrierung schön einfließen lassen UND es war auch noch In-Chara für Wei Wuxian! :D


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